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Endlich! Die Oktober-Kolumne

Veröffentlicht am 07.10.2017

Hau rein Marathonne!

 

Heute laufe ich einmal während der Fahrt!

Nun, das geht sicher schlecht auf dem Beifahrersitz eines Autos, dem Sozius eines Motorrades oder in der überfüllten Straßenbahn. In einem ICE schon eher, bloß dass man da doof angeschaut wird. In einem Flugzeug würde man wahrscheinlich augenblicklich von einem bewaffneten Air-Marshal an den Sitz gefesselt werden und das Laufen auf der Ladefläche eines fahrenden Lkw ist auch nicht unbedingt zu empfehlen.

Dann eben auf einem Schiff. Das Deck eines Supertankers kann schon mal die Fläche von vier Fußballfeldern einnehmen. Bei all den darauf verlegten Rohrleitungen wäre es allerdings eher für olympische Hürdenläufer geeignet. Flugzeugträger? Schön flach, aber überaus gut bewacht. Bliebe ein Kreuzfahrtschiff. Diese haben einen in den meisten Fällen sehr gut bestückten Fitnessbereich an Bord. Oftmals an einen ebenso attraktiven Spa-Bereich angeschlossen. Eisenstemmen, Crosstrainern, Laufbandeln und Sitzradeln mit nachfolgendem Sauna-, Rasul- und/oder Massageprogramm ist doch der Himmel auf Erden, bzw. Wassern oder? Auch befindet sich irgendwo auf einem gottverlassenen Oberdeck noch eine Laufbahn. Die meistens verwaist ist, da der übliche verdächtige Kreuzfahrtpassagier die Laufstrecke von der Bar zum Restaurant als bedeutend attraktiver empfindet. Insbesondere die Start und Zielverpflegung. Gleich am ersten Tag auf See habe ich mir vorgenommen, der drohenden Schnellverfettung meines Körpers energisch entgegenzutreten. Die Abendessen haben hier an Bord mehr Gänge als mein Mountainbike, der allinklusive Suff in dem halben Dutzend Bars mehr Prozente als sämtliche Bergläufe der Welt und die allgegenwärtige Präsenz von Liegen, Loungesesseln und Barhockern erschweren es dem ehrgeizigen Hobbyathleten enorm, auf den Füßen zu bleiben. Da ich kollektivem Schwitzen in geschlossenen Räumen noch nie besonders viel abgewinnen konnte, zieht es mich als erstes auf die Laufbahn auf Deck 12. Mein Pott ist die Costa Mediterranea, mit knapp 300 Metern Länge und 32 Metern Breite schon ein ordentliches Stück schwimmendes Eisen. Italiener haben es geplant. Die fahren gerne Auto. Gerne schnell. Mit Laufen haben die es eher nicht. Kurz vor der Taufe fiel es ihnen ein: es soll doch tatsächlich Leute geben, die auf dem Schiff im Freien laufen wollen. Ups! Rasch einen Eimer gelber Farbe geholt und auf dem obersten Deck, direkt unter dem Signalmast einen Rundkurs hingekleckst. Viel Farbe haben sie nicht gebraucht. Die Runde ist ganze hundert Meter lang. Aber immerhin mit zwei Bahnhofsuhren auf jeder Seite des zu umrundenden Aufbaus (eine steht), und zwei Ruhebänken. für die Coaches wohl, oder zum Dehnen. Staunend stehe ich vor diesem Idyll. Außer mir ist keiner da. Damit auch ja keiner den Überblick verliert oder sich verläuft, befindet sich an der Wand eine Markierung: „Start“. Aber die Aussicht! DIE AUSSICHT!!!! Die ist genial: rechts schimmert die Costa Blanca im Dunst der Nachmittagssonne, links Meer, vorne Meer und hinten noch mehr Meer mit einer eindrucksvollen Schaumspur wie mit dem Lineal gezogen. Die Mediterranea ist auf dem Weg nach Malaga. Ich aktiviere die GPS-Uhr. Satelliten sollte es hier ja genug in Sichtweite geben. Es piept und ich setze mich in Bewegung. Gegen den Uhrzeigersinn, wie man das als Leichtathlet einmal gelernt hat. Gemütlich trabe ich in leichter Schräglage um den Block. Um Hüftschäden vorzubeugen, nehme ich mir vor, alle zehn Kilometer die Richtung zu wechseln. Wie bitte??? Alle zehn Kilometer? Auf einer Hundert-Meter-Runde? Krämer, hast du noch alle Nadeln an der Startnummer? Habe ich. Außerdem werde ich heute den bestehenden Halbmarathonrekord brechen, seit langem mal wieder mehr als zehn Kilometer abspulen und dabei ganz cool und lässig in die Sonne blinzeln. Schuld daran ist meine Laufstrecke, die samt daran hängendem Schiff mit 38 km/h durch das blitzeblaue Mittelmeer pflügt. GPS-Uhren messen immer die tatsächliche Bewegung. Die wissen nicht dass Krämers nicht auf Wasser laufen können. Folglich addiert sich beim Laufen in Fahrtrichtung mein tatsächliches Lauftempo von geschätzten 07.00 min/km zur Schiffsgeschwindigkeit hinzu, während es beim Laufen in Richtung Heck wieder abgezogen wird. Auf der Rundentabelle erscheint nach dem Lauf eine wunderschöne gleichmäßige Wellenlinie. Kunst im Diagramm sozusagen. In der Bordzeitung steht jeden Tag was für Seegang zu erwarten ist. Heute stand da „See: leicht bewegt“. Die „Medi“ ist ein modernes Schiff und so groß, dass eine leicht bewegte See, zumal im Inneren und in den unteren Decks so gut wie gar nicht spürbar ist. Am besten sieht man das, wenn das Lotsenboot kommt. Ein vergleichsweise winziges Schalüppchen mit kräftiger Maschine, das zumeist mit wild schäumender Bugwelle, bockend und hüpfend wie ein Rodeogaul an die Seite des unbeeindruckt dahingleitenden Riesen laviert und den Lotsen (Respekt!) förmlich ins Fallreep abwirft.

Gemäß dem physikalischen Gesetz von der Hebelwirkung sind die Ausschläge bei einem leichten Rollen des Schiffes (so nennt man das Schaukeln um die Längsachse, während das Auf und Nieder von Bug und Heck als Stampfen bezeichnet wird) höher als in der Nähe des scheinbaren Drehpunktes in der Schiffsmitte. Gut gegen Seekrankheit: Innenkabine untere Decks, mittig! (Ist man auch schneller bei den Rettungsbooten …)

Meine Laufarena ist so ziemlich das höchste, was man als Passagier an Bord erklimmen darf, demzufolge kitzelt die Spitze des Radarmastes gemütlich von links nach rechts an den wenigen flauschigen Wölkchen. Während dem Lauf länger da rauf schauen, kann eine schlagartige Destabilisation auslösen, ähnlich wie Druckbetankung mit schottischem Whisky. Wer schon mal eine Rolltreppe verkehrt herum hinunter- oder hinaufgelaufen ist, oder wen während der Fahrt auf einem Kirmeskarussell die Wanderlust gepackt hat (Krämere machen so was ständig), der weiß wie es sich anfühlt, wenn der Boden gar keiner ist. So schlingere ich auf meinen Runden wie der Dorf-Alky nach dem Stammtischabend. Schon merkwürdig, wenn mal am linken Bein einer nach unten zieht und mal am rechten. Doch nach kurzer Zeit kompensiert der Körper diese Asymmetrie und ich laufe mehr oder weniger wie immer. Der Wind pfeift, das Laufhemdchen flattert und die Kappe muss mit dem Schild nach hinten vor Flugambitionen bewahrt werden. Die Tempoanzeige meiner Uhr rast. Kilometerzeiten um die 01:40 Minuten rauschen durch und nach zehn Kilometern drehe ich um. Da waren gerade mal siebzehn Minuten vergangen. Das ich das noch erleben durfte! Mittlerweile haben sich noch zwei Walker hier oben eingefunden. Sie mustern mich wie Kodiakbären einen zu mageren Lachs und walzen los. Nebeneinander … Wir. Walken. Immer. So. Punkt. Also hat nun jede meiner Runden einen kleinen Extraschlenker. Ich freue mich über die Abwechslung. Der Esel am Göbelwerk freut sich ja auch über jeden Mistkäfer, der seine Spur kreuzt. Gegrüßt habe ich die beiden Walker aber nur einmal. Im heimatlichen Wald grüße ich immer. Auch wenn man sich öfter als einmal begegnet. Hier hieße das etwa alle siebzig Sekunden ein freundliches Grinsen und ein geschnauftes „Tach“ herauszupressen. Immerhin die beiden marschierten recht Flott und nach dem ich nach 36 Minuten meinen Halbmarathon gefinisht hatte, machte ich mich vom Acker, bzw. vom Deck. Der linke Mittelfuß, ein sensibles Stück Krämer, meldete sich. Laufen auf der Stahlbahn bringt wohl selbst meine luxuriös gedämpften Laufschuhe an ihre Grenzen. Also ausgiebiges Dehnen mit Blick übers Meer und Vorfreude auf abendliche Völlerei. Immerhin, als Weltrekordler habe ich mir das Galamenu redlich verdient.

Morgen gehe ich aufs Laufband. Ist zwar drinnen, aber mit Blick direkt nach vorne. Kann man sich einbilden, man treibe das Schiff an.

84800 PS … Hau rein Krämer!

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