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Die Juni Kolumne

Veröffentlicht am 29.07.2017

Der vergessene Schlüssel

 

Nein, dies ist keine Adaption eines Grimm’schen Märchens. Es ist eine typische Manni-Geschichte. Sagt jedenfalls die gewissenhafteste Ehefrau von allen.

Doch gemach, lasst uns von vorn beginnen:

An einem warmen Juni-Sonntagmorgen, für den weiteren Tagesverlauf waren Temperaturen um die 33°C angesagt, beschlossen der Laufkoch Ingo und ich ein tragfähiges Fundament für abendlichen Grillgenuss in form eines Zehn-Kilometer-Laufes zu legen. Da ich meinem Laufkumpel schon immer mal meine spezielle Stadt-Wald-Fluß-Runde in Mannheim und Ludwigshafen zeigen wollte, lud ich ihn kurzerhand in meinen schwarzen Zweisitzer - Nein, es ist keine Corvette, es ist ein Smart … und fuhr mit ihm an den Ort meines späteren Ruhestandslebens. Richtig, unter eine Mannheimer Brücke. Späßle g’macht. Im Schatten der Ostrampe der Kurt Schumacher Brücke stellten wir das Autochen ab und trampelten die Treppen hinauf auf den Rad- und Fußweg. Unter uns ein kunterbuntes Hafenpanorama schimanskischer Art wie es Duisburg auch nicht besser hingekriegt hätte. Container, Schrotthalden, Bahngleise und überall Lastzüge, Sattelauflieger und Lagerhäuser. Die Satelliten gaben uns den Startpieps und gemächlich bewegten wir unsere gemeinsame Masse von dreieinhalb Zentnern in Richtung Landesgrenze, die hier die Flußmitte war. Raus aus Bad-Würstchenberg, ab in die Palz! Unter uns, der Mühlauhafen mit seinen Containergebirgen, vor uns der Rheinkai mit seinen riesigen Speicherhäusern. Recht bald waren wir über dem Rhein. Ich spähte unauffällig nach links. Da lag sie! Die Bellriva, das Schiff, welches ich in meinem Krimi RiverMord als Vorbild gewählt hatte und auf dem ich während meiner Recherchereise Tino, den Kreuzfahrtleiter kennen gelernt hatte. Mit dem hatte ich ausgemacht, dass ich nach unserem Lauf mitsamt dem Kochkumpel dort einlaufen würde und ein zwei Weizenradler zu schnorren gedachte. Tino hatte begeistert zugesagt. Der Koch wusste von nichts. Den wollte ich damit überraschen. Als wir den Rhein überquert hatten ging es entlang der Kaianlagen und am Shoppintempel Rheingalerie vorbei in Richtung Luitpoldhafen. Da wo schon Tatortkommissarin Lena Odenthal eine Leiche gefunden hatte. Es war mittlerweile richtig schwül geworden und es wehte kaum ein Lüftchen. Ich führte in weiser Voraussicht einen Hüftgurt mit Trinkflasche und Futteral für den Autoschlüssel mit. Nach der Bewältigung der fies ansteigenden „Schneckennudelbrücke“ befanden wir uns nun auf der Parkinsel. Der asphaltierte Weg entlang des Rheins war Ludwigshafens Venice Beach. Zahllose Läufer, spaziergänger, Radfahrer und Selbstdarsteller waren hier unterwegs. Auf den angrenzenden Wiesen saßen ganze Sippen beim Picknick zwischen den ganzen Hinterlassenschaften der versammelten Rheinpfälzer Kampfhunde. Wir verloren das Rennen gegen einen zu Berg fahrenden Kohlefrachter, machten eine kurze Pause und ließen die Flasche kreisen. Die nächste Etappe führte durch den Auwald und wir genossen das bisschen Schatten unter den uralten Pappeln und Linden. Nach 7,5 Kilometern passierten wir wieder die fiese Wendelbrücke und liefen ein Stück weit auf der selben Strecke zurück. Kurz vor der Adenauerbrücke bogen wir nach links in die Stadt ab um an den Fuß der Brückenrampe zu gelangen. Die letzte Steigung! Schnaufend wie alte Güterzuglokomotiven schafften wir das auch noch im Laufschritt und ahnten, was die Autofahrer die uns sahen, dachten: „Schaut euch die beiden Moppel an! Die machen wenigstens was!“ Auf der Mannheimer Seite ging es über eine Treppe runter auf die Rheinkaistraße. vorbei am Haus Oberrhein erreichten wir den Liegeplatz der Bellriva. Ein Blick auf die Uhr: 9500 m. Also ordnete ich noch eine Runde um einen der großen Speicherklötze an. Exakt mit 10,01 Kilometer beendeten wir den Hitzelauf. Das Sonnendeck des Kreuzfahrtschiffs lag gleichauf mit dem Kai und eine Aluminiumplanke mit Geländer führte direkt zur dort befindlichen Cocktailbar.

Ich führte den verdutzten Ingo direkt dorthin, eröffnete der ebenso verdutzten Bartenderin, dass wir auf Einladung der Kreuzfahrtleitung das an Bord befindliche Getränkesortiment prüfen wollten und folgten der verdatterten Anweisung „Äh, der Tino ist unten in der Rezeption …“

Tino begrüßte uns herzlich und lud uns zu lauschiger Runde auf das Sonnendeck ein. Dort saßen wir, fachsimpelten über die Schifffahrt, den BvB und über bekloppte Laufeinheiten bei 30°C. Nach einem lockeren Stündchen verabschiedeten wir uns, beantworteten noch ein paar neugierige Fragen von Passagieren und gingen entspannt die zwei Kilometer zum Auto zurück. Eigentlich waren es nur anderthalb …

Dann fiel mir ein, dass ich ja meine Hüfttasche an Bord vergessen hatte! Ich hatte sie auf dem Stuhl neben mir abgelegt.

„Ach, da fahren wir eben mit dem Auto schnell zurück“, sagte ich zu Ingo, denn wir hatten unseren Stellplatz unter der Brücke ja gleich erreicht. Blöd nur, wenn in der vergessenen Tasche auch der Autoschlüssel ist … wie schon eingangs erwähnt: es gibt Menschen, die sagen, so etwas passiere nur mir.

So kehrten wir um und walkten im Geschwindschritt (zuviel Weizenradler gluckerte in der Körpermitte herum) zurück zum Rheinkai.

„Wann legt die Bellriva eigentlich ab?“, fragte Ingo als wir um die ecke des Speichers bogen.

„Jetzt“, antwortete ich frustriert und sah zu, wie der Spalt zwischen Kaimauer und Schiff rasch größer wurde. Die Bugstrahlruder ließen das Wasser aufschäumen und der Kapitän stand lässig am Außensteuerstand um gleich das Rondo einzuleiten. Die ist ein nautisches Manöver, welches das Schiff in die Gegenrichtung dreht.

„Hey, ich habe meine Tasche vergessen!“ Schrie ich rüber zum Sonnendeck. „Die ist unten! In der Rezeption!“ rief ein Passagier. Ich lief los. Wenige Meter entfernt führte eine Treppe bis fast zum Wasserspiegel hinunter. Ich trappelte runter und rief, man solle sie mir rüberwerfen. In der Rezeption liefen Leute aufgeregt herum, während das Schiff nun schon ein ordentliches Stück weit draußen war. So weit schmeißt keiner meine leichte Tasche, dachte ich.

„Wartet Leute, ich komm noch mal ran!“ erscholl eine Stimme über mir. Der Kapitän hatte unsere Not bemerkt und steuerte die 104 Meter lange und fast 12 Meter breite Bellriva wieder retour. Tino erschien in der Tür der Rezeption. als uns nur noch ein knapper Meter trennte, warf er mir die Tasche direkt in die Hände. Danke Tino! Danke Herr Kapitän! Ein echter Seemann mit Herz!

Ingo erwartete mich oben am Kai breit grinsend.

Wir winkten der nun wieder in Fahrt kommenden Bellriva begeistert hinterher. Der Kapitän steuerte ein elegantes Rondo mit Ausnutzung der Strömung und majestätisch nahm die Bellriva Fahrt auf.

Womöglich hat die beste aller Ehefrauen ja recht … Das ein vollbesetztes Kreuzfahrtschiff kehrtmacht um ihrem schusseligen Ehemann seine Tasche mit dem Autoschlüssel zurückzugeben, das passiert wahrscheinlich wirklich nur mir.

 

Bis denne, eure Marathonne

 

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