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Die erste Kolumne 2018!

Veröffentlicht am 09.01.2018

Allen Besuchern dieser Seite wünsche ich ein gesundes und erfolgreiches 2018!

 

Ketsch - Brühl - Antwerpen

 

So sagen die Kurpfälzer gerne, wenn etwas recht umständlich vonstatten geht oder eine Bahnverbindung von hinten durch die Brust ins Auge  ans Ziel führt.

Zum Jahresende hin habe ich es aber (beinahe) geschafft, diese Reise selbst zu unternehmen. Zwar nicht ganz (aber fast) von Ketsch aus, nämlich vom Mannheimer Rheinkai, fuhr ich mit der MS Bellriva, der Vorlage für die „Stephanie de Beauhernais“ aus meinem aktuellen Krimi rheinabwärts über Köln, Nijmegen, Antwerpen und Amsterdam anlässlich der Silvesterreise 2017. Zwei Tage vor dem Jahreswechsel lag das Schiff Stadtnah am Kattendijkdock. Bis zum abendlichen Galadinner war es noch etwas Zeit, so dass ich meine Laufschuhe schnürte, eine der auf dieser Reise seltenen Regenpausen ausnutzte, um einen kleinen Lauf entlang der Scheldepromenade zu machen. Ich liebe es, in fremden Revieren zu laufen. Naturgemäß besteht hier jedoch eine erhöhte Verlaufgefahr. Die Devise lautete daher: vier Kilometer immer an der Schelde entlang, Kehrtwende und vier Kilometer retour. Macht acht und ich hätte noch genügend Zeit um frisch geduscht, rasiert und entspannt mit der besten aller Ehefrauen zu Tische zu schreiten.

Hätte - hätte - Fahrradkette …

Entlang der heimelig leuchtenden Fenster der Flußkreuzfahrtschiffe, die hier vertäut waren und kopfschüttelnd beäugt von Lambswool-Pulli-Trägern, die in deren Salons Tee, Kaffee und andere anregende Getränke genossen suchte ich mir meinen Weg. Das weithin sichtbare Riesenrad war meine Landmarke. Dort befand sich auch ein urgemütlicher Weihnachts- bzw. Silvestermarkt. Den hatte ich mit Moni am Mittag besucht und belgische Waffeln, Vlaamse Fritten und belgische Schokolade verschlung… äh verkostet. Deshalb muss es nun auch ein Lauf sein. Als Bewohner eines Landes, in welchem Fahrradfahrer als jagdbares Wild und lästiges Übel gelten, musste ich mich zunächst an die allgegenwärtigen Fahrradautobahnen und Schnellwege gewöhnen, auf denen die Radler selbstbewusst und in Scharen unterwegs waren. In disziplinierten Scharen! Es ist eine wahre Pracht, wie Belgier und Niederländer das Fahrrad in den allgemeinen Verkehr integriert haben. Die deutschen kreisverkehrsbesessenen und autohörigen Verkehrsplaner sollten alle ein Semester gesunden Menschenverstand in den Frittenländern studieren. Es ist möglich. Man muss es nur wollen.

Ein stämmiger Läufer aus Schland begriff auch erst nach der fünften klingelnden und eleganten Umkurvung, dass er hier wohl der Pylon auf einer zweispurigen Express-Radstrecke war. Ups! Ab nach rechts, wo für die Spaziergänger reserviert war.

Nun, nach relativ rascher Akklimatisierung lief es. Wortwörtlich. Viele Gleichgesinnte joggten, trabten und rannten die gleiche Strecke. Fast wie auf dem Santa Monica Boulevard. Bloß kälter. Und windiger. Und nasser. Die Regengüsse des Tages hatten zahlreiche Pfützen hinterlassen und von der Schelde her trieben dunstige Schwaden in die Stadt. Noch etwas fiel mir auf: man grüßt sich. Männlein und Weiblein! Niemand hat Angst, dass ein freundliches Lächeln einer Einladung zum Beischlaf gleichkommt. Kein 5.30 Läufer ist sich zu fein, einem gemütlichen fast 7.00 Veteranen fröhlich zuzuwinken. Ich glaub’ ich wandere aus. Rechts das dunkle Schimmern der Schelde, links die weihnachtlich beleuchtete Altstadt Antwerpens mit dem mächtigen Kirchturm und den illuminierten Gassen und Straßen. Antwerpen ist mehr als nur einer der größten Häfen Europas. Mit dem wohl bekannten Kribbeln im Bauch, das sich bei Läufen in der Fremde immer bei mir einstellt, laufe ich mit einem lächeln im Gesicht immer weiter. Das Riesenrad bleibt zurück, die urbane Kulisse lockert sich auf. Baulücken, Neubauten, freie Flächen und schließlich ist die Promenade bloß noch ein ganz normaler Bürgersteig. Allerdings immer noch säuberlich aufgeteilt in Radler und Fußlerbereich. Als es zum vierten mal an meinem Handgelenk piept, drehe ich auf den Hacken um und visiere wieder meinen ganz persönlichen kreisrunden Wegweiser, das Riesenrad an. Nach einer Viertelstunde erreiche ich wieder die Stadt. An einer belebten Kreuzung warte ich zusammen mit anderen auf das Grün der Fußgängerampel. Alle stehen brav. Soll ich …? Lieber nicht. So wie sich die meisten hier verhalten, wird das überqueren bei Rot sicher mit Zuchthaus bestraft. Oder mit Frittenschnippeln im Akkord. Oder so. Ich bemerke ein Schild: „Sint Annatunnel“. Es weist nach links in die Stadt. Dort ist auch gerade Grün. Ich entscheide mich blitzschnell. Pauline, die Tochter einer Mitreisenden, hat mir von diesem Tunnel vorgeschwärmt. „Den musst du dir unbedingt ansehen! Das ist ein Klasse Krimi-Ort! Hölzerne Rolltreppen führen dreißig Meter in die Tiefe und dort geht es dann auf fast 600 Metern Länge unter der Schelde durch.“

Sie hat mir auch erklärt wo der Einstieg zu finden ist. Das Einstiegsbauwerk auf der City-Seite sieht aus wie eine Mischung aus Stalin-Mietshaus und einem Trafohaus in Gotham City. Neugierig bremse ich schnaufend ab. Und begehe den Fehler, den ich immer begehe: „Nur mol gugge …“

Als ich die Eingangshalle betrete empfängt mich der typische Geruch von altem Schmierfett und das stete ranplan-plan, ranplan-plan, ranplan-plan der Rolltreppen. Sie sind tatsächlich zum großen Teil aus Holz. In zwei Zügen führen sie über ein Zwischengeschoß in die Tiefe. Das Geräusch, die Eisengitter, der Geruch nach uralter Technik … Auf mich wirkt das wie der Eingang in das Reich der Morlocks. Ich. Muss. Da. Runter! (Nur mol gugge!) Staunend gehe ich auf der abwärts rollenden Stiege weiter. Radfahrer können einen knarrenden Lastenaufzug nutzen, dessen Tore scheppern wie überdimensionale Zellentüren. Steampunk pur! Unten angekommen, klopft mein Herz angesichts der sich in der Ferne verlierenden hell gekachelten Röhre. 572 m lang misst die geradlinige Strecke. Ein Läufer trabt heran, grüßt mich lässig und fährt nach oben. Weit hinten läuft noch eine Frau. Toll! Laufen unter Wasser! Ohne mein Zutun setzt sich mein Körper in Bewegung. Was für ein geiler Lauf! Okay, GPS hat’s hier unten nicht, aber wer braucht das schon, wenn er im Reich der Zwerge seinen ganz persönlichen Schatzzzzzz gefunden hat. Ich disponier um. Ich werde einfach am linken Ufer, das hier recht fantasielos aber zutreffend Linkeroever heißt wieder ans Tageslicht bzw. in die Abenddunkelheit kommen, dort bis zur nächsten Brücke laufen und dann von der anderen Seite her wieder zur Anlegestelle der Bellriva finden. Den Stadtplan habe ich von heut mittag her noch im Kopf, wo ich ihn mir genau angeschaut habe. Kann höchstens sein, dass aus dem geplanten Achter ein Zehner wird. So what? Begeistert über diese ungewohnte Streckenvariante setze ich nach weiteren zwei knarrenden und rumpelnden Rolltreppen meinen Weg fort. Meine Polaruhr piepst erleichtert. Sie kann die Sterne wieder sehen. Ich laufe. Und laufe. Und laufe … hier ist es ruhig. Weite Grünflächen säumen das Scheldeufer. Auf der breiten Straße sind nur wenige Autos unterwegs. Der Fußweg liegt etwas abseits vom Ufer. Ich halte Ausschau nach der Brücke. Die müsste doch längst … Drüben wandern die Hochhäuser vorbei, hinter denen sich das Kattendijkdock befindet, an welchem mein Schiff liegt. Weiter geht es . Immer weiter. Die Uhr zeigt drei Kilometer seit dem Ausstieg aus dem Hades. Immer noch keine Brücke in Sicht. Ich nehme einen Abzweig in Richtung Ufer. Der Weg führt hinauf auf einen Deich. Von hier aus habe ich einen weiten Blick über die Wasserfläche. Keine Brücke. Irgendwo in der Ferne ertönt ein Schiffshorn. Es fällt mir ein. Ups! Krämer! Die Schelde ist ein Schifffahrtsweg. Ein Seeweg. Hier fahren ordentliche Pötte rum. Da gibt es keine Brücken. Keine! Depp! Aber der Stadtplan? Ach der … Das war der von Rotterdam. Da fahren wir morgen hin. Da liegen wir in einem kleinen Hafenbecken mitten in der Stadt. Da gibt es Brücken. Da. Nicht hier. Ich schaue auf die Uhr. Drei Kilometer zurück. Rolltreppen runter, 572 m laufen. Rolltreppen rauf, ca. zwei Kilometer zum Schiff. Wird knapp mit dem Galadinner. Besser ich rufe Moni an, dass ich mich verspäte. Mein Handy … liegt in der Kabine. Am Ladegerät. Ich wollte ja nur ne kleine Achter-Runde … Krämer! Ich schaue rüber zum Riesenrad. Bis gleich dann. Wenn ich das Temp etwas anziehe, könnte ich es vielleicht doch noch packen. Wenigstens zum Hauptgang. Ab dafür! Die drei Kilometer zum Tunnel ziehen sich. Dann endlich die Rolltreppen. Kein Mensch unterwegs. Ich bollere die Holzstufen hinunter. Die Dinger wurden in den dreißiger Jahren gebaut. Der werden doch wohl noch meine 88 Kilo aushalten.

Durch die Röhre wie ein geölter Blitz. Anerkennendes Lächeln einer jungen Frau mit Gazellenfigur. Schau mal einer den alten Spacken an! Mit hochrotem Kopf stürze ich mich in die wuselige Altstadt, trabe durch’s Rotlichtviertel, als wären vier Hafenluden hinter mir her, aber dies ist der kürzeste Weg. Ein paar Mädels pfeifen mir nach. DAS! Müsst ihr mir erst mal nachmachen! In zwei Jahren werd’ ich siebzig! Ha!

Da! Der Katzendeich! Meine Bellriva! Ich kriege auch eine belgische Siegerehrung: es beginnt zu schütten wie aus Eimern. Drinnen im Salon winken mir die Lambswool-Pullis zu. Einer hebt sein Bierglas. Prost auf den Idioten da draußen, hoffentlich kriegt der hier an Bord keinen Herzinfarkt. Rein ins Böötchen, Bordkarte abgegeben und nix wie in die Kabine. Klopf-Klopf. Göttergattin öffnet, Schick! Haare schön, Abend-Make-Up, Schmuck. Merkelmund: „Schön dass du auch noch kommst. Ich gehe schon mal vor.“ Küßchen? „Jetzt nicht, du stinkst.“ Sie ist ein Goldstück! Blick zur Uhr: in fünf Minuten gibt’s Vorspeise. 13,56 Kilometer stehen auf der Zwiebel. (Schulterklopf) Ach ja: zum zweiten Gang war ich dann da. War lecker. Moni hat’s auch geschmeckt. Küßchen gab’s auch. Alles gut! Tätäää! 

 

 

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